D’r Ulm’r isch ebbe derb
„Mensch, der Hellmut!“
Abends auf dem Donaufest. „Mein Ding ist das nicht“, sagt Hellmut Hattler, während er wie ein zögerlicher Brustschwimmer die Menschenmenge teilt. „Zu viele Leute.“ Er ist Ulms Rockstar, Gründer der Gruppen Kraan, Tab Two und Hattler, der Band, mit der er 2001 den deutschen Schallplattenpreis Echo gewonnen hat. Seine jazzig-urbanen Kompositionen entstehen in einer Scheune am Waldrand. „Four Miles to Ulm“ heißt ein Song, der zehn Meilen unterschlägt.
„Mensch, der Hellmut!“, ruft es im Minutentakt. „Du mitten im Trubel?“ Hellmut Hattler ist groß, weizenblond, nicht zu übersehen und fletscht die Zähne zum Bühnenlächeln. „Und?“, fragt ein Hell’s-Angels-Double, das sich ihm schwankend in den Weg stellt und sich an einem Bierkrug festhält. „Super“, schreit Hellmut Hattler gegen einen ungarischen Teufelsgeiger an. Niemand lobt seine neue CD. „Der Ulmer hält sich an das Motto: ‚Nix g’schwätzt isch g’lobt g’nug.‘ Er ist extrem sparsam, mit Beifall und mit Geld.“ Work hard, party hard. Das nächste Stadtfest beginnt wenige Tage danach mit dem Eid des Oberbürgermeisters. Danach reisen alle eine Woche lang ins Mittelalter.
„Nabada“, hinunter baden, heißt die Tradition, sich im Fluss treiben zu lassen, einst schwimmend oder mit geschmückten Schiffen, in der Neuzeit auch mit Sportbooten oder Luftmatratzen. Musik-, Zunft- und Trachtenvereine übernehmen das Regiment in der Stadt: Beim „Fischerstechen“ versuchen Männer in weißen Kniehosen und mit spitzen Hüten, einander mit Paddeln aus der „Schachtel“, dem historischen rechteckigen Boot, zu schubsen. Frauen in Tracht und ihre Partner mit Rokokoperücken führen auf dem Rathausplatz den „Bindertanz“ vor; mit kunstvollen Drehungen erinnern sie daran, dass Ulmer einst zu den besten Bindern, Fassmachern, der Welt zählten.
Nach all den Festen kehrt Ruhe ein. Die Ulmer haben ihre Stadt wieder für sich allein, Rocker, mittelalte Ökos, Hausfrauen, Yuppies und über die Maßen geschminkte Teenager bevölkern wieder als Normalbürger die Straßen Ulms.
Nur von den 10.000 Studenten keine Spur. „Ulmer Studenten sitzen bekanntlich nonstop am Computer“, erklärt Altrocker Hellmut Hattler. „Alle sind in Ulm besonders fleißig. Ulmer Frauen sind die einzigen, die sich geschmeichelt fühlen, wenn man ihnen sagt: ‚Du siehsch aber ab’gschaffet aus‘.“ Und dabei vergisst: Das kann auch vom Feiern kommen.
polis