D’r Ulm’r isch ebbe derb
Amazing Münster grandioso
Fünf Gehminuten entfernt, auf dem Münsterplatz, legt eine Gruppe fleischiger Amerikaner die Köpfe in den Nacken. Franzosen, Spanier, Berliner gesellen sich dazu. Gemeinsam schicken sie Adjektive wie Gebete gen Himmel: amazing, impressionnant, grandioso, cool. Sie gelten dem höchsten Kirchturm der Welt – dem bekanntesten Manifest Ulmer Superlative.
Eines von etlichen. Die Zwillingsstädte mit über 170.000 Einwohnern – das württembergische Ulm am linken und das bayerisch-schwäbische Neu-Ulm am rechten Donauufer – rühmen sich auch noch des höchsten Getreidespeichers Europas (115 Meter), einer Unmenge von Solarzellen (29 Sonnenenergie-Watt pro Einwohner) und der größten Verteidigungsanlage, der Bundesfestung.
Die Hauptgebäude der Ringanlage um Ulm und Neu-Ulm herum wurden zwischen 1842 und 1859 im märchenhaft-martialischen Stil des romantischen Klassizismus erbaut. Villen und Wohnblocks drängen sich an ihre Wälle aus Kalk- und Backstein. Verkehrsadern zwängen sich durch Tore, die aussehen wie Leihgaben aus Disneyland. Ritterburgtürme ragen zwischen Dornröschengestrüpp auf, kilometerlange Labyrinthe höhlen das Erdreich aus: eine Wehranlage für bis zu 20.000 Soldaten, die Süddeutschland vor französischen Truppen schützen sollte – die niemals kamen.
So war die Bundesfestung von Anfang an unterbelegt. Teile nutzte die Stadt kurzzeitig als Kaserne, als Jazzkeller und während der NS-Zeit als Internierungslager; nach dem Krieg blieb das Monument weitgehend sich selbst überlassen. Seit 1974 hält ein Förderkreis den Verfall auf. Mitglieder treffen sich jeden Samstag zum Roden, Mauern, Putzen – bisher über 50.000 ehrenamtliche Stunden lang. Warum? „Weil man Gutes tut, indem man Kulturgeschichte lebendig hält“, sagt Matthias Burger, Physiklehrer in Neu-Ulm. Er trägt kurze Hosen, Turnschuhe, ein sanftes Dauerlächeln und verkörpert einen weiteren Superlativ: Rund 65.000 Mitglieder registrieren die Ulmer und Neu-Ulmer Vereine – rechnerisch sind also 40 Prozent der Bewohner engagiert, die höchste Quote Deutschlands.
polis